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Ist E960 (Steviolglycoside) halal? Das Blatt, das Ethanol und die Hefe
E960 steht auf Limonaden, Joghurts und Tafelsüße und klingt nach Labor. Dahinter stehen Süßstoffe aus einem Blatt, die mit Ethanol gereinigt werden und neuerdings auch aus Hefe kommen. Diese Seite erklärt, wo dabei eine Halal-Frage entsteht und wie sie beantwortet wird.
Die kurze Antwort: ja. Steviolglycoside sind die süßen Stoffe aus den Blättern einer südamerikanischen Staude, kein Tier ist an ihnen beteiligt, und Tayyib markiert sie nicht. Die Fragen, die bleiben, liegen an zwei anderen Stellen: beim Ethanol, mit dem das Pulver gereinigt wird, und seit 2025 bei einer Hefe, die dieselben Stoffe ganz ohne Blatt herstellt.
Was im Blatt süß ist
Die Pflanze heißt Stevia rebaudiana und wächst ursprünglich im Grenzland von Paraguay und Brasilien, wo die Guaraní mit ihren Blättern seit Generationen den Mate süßen. Süß ist darin kein Zucker, sondern eine Gruppe von Glycosiden: ein Grundgerüst namens Steviol, an dem mehrere Glucosebausteine hängen. Die häufigsten im Blatt sind Steviosid mit drei und Rebaudiosid A mit vier Bausteinen. Rebaudiosid M trägt sechs, schmeckt dem Zucker am ähnlichsten und kommt im Blatt nur in Spuren vor. Das ist wichtig für das, was später kam.
In der EU ist der Süßstoff seit Dezember 2011 zugelassen, durch die Verordnung (EU) Nr. 1131/2011. Er ist 200- bis 350-mal süßer als Zucker, ein Lebensmittel braucht davon also nur Milligramm.
Aus dem Blatt: E960a und das Ethanol
Den klassischen Weg beschreibt die EU-Spezifikation in der Verordnung (EU) Nr. 231/2012 in zwei Schritten. Zuerst werden die Blätter mit Wasser ausgezogen und der Auszug über Ionenaustauscher vorgereinigt. Danach werden die Steviolglycoside aus Methanol oder wässrigem Ethanol umkristallisiert, bis das Pulver zu mindestens 95 Prozent aus ihnen besteht.
Das Lösungsmittel wird anschließend entfernt, aber nicht vollständig. Die Spezifikation lässt im fertigen Süßstoff höchstens 5000 mg Ethanol und 200 mg Methanol je Kilogramm zu, also höchstens ein halbes Prozent Ethanol im Pulver. Da vom Pulver selbst nur Milligramm in ein Kilogramm Joghurt oder einen Liter Limonade gehen, kommen dort höchstens ein bis zwei Milligramm Ethanol an, meist weniger. Reifer Fruchtsaft bringt von selbst ein Vielfaches davon mit.
Auf einer Zutatenliste erscheint dieser Rest nie. Er gehört zur Herstellung des Zusatzstoffs, nicht zum Rezept des Lebensmittels, und wird deshalb nicht als Zutat angegeben.
Wie der Rest aus der Reinigung beurteilt wird
Ein halbes Prozent im Pulver berauscht niemanden. Die eigentliche Frage ist eine andere: ob Ethanol als solches unrein ist, und ob es darauf ankommt, woraus es gewonnen wurde. Zwei Gremien, nach deren Beschlüssen große Zertifizierer arbeiten, haben das ausdrücklich entschieden, und beide unterscheiden nach der Herkunft.
- MUI, Fatwa Nr. 10 von 2018: Ethanol aus der Herstellung berauschender Getränke ist wie Khamr haram und unrein. Ethanol, das nicht aus dieser Industrie stammt, ob synthetisch oder durch eine andere Vergärung gewonnen, ist nicht unrein und darf in Lebensmitteln verwendet werden, solange es gesundheitlich unbedenklich ist. Eine Grenze von 0,5 Prozent im Endprodukt setzt die Fatwa nur für Getränke.
- Nationaler Fatwa-Rat Malaysias, Juli 2011: Alkohol, der nicht bei der Herstellung von Khamr entsteht, ist nicht unrein. In Aromen und Farbstoffen ist er zulässig, wenn das fertige Lebensmittel höchstens 0,5 Prozent enthält. Nach diesen Beschlüssen zertifiziert die malaysische Behörde JAKIM.
Nach beiden Maßstäben ist der Rest in einem Steviapulver unbedenklich, solange sein Ethanol nicht aus Wein oder einer anderen Getränkeherstellung stammt. An genau dieser Stelle schweigt die EU-Spezifikation: Sie begrenzt die Menge, aber nicht die Herkunft. Üblich ist Agraralkohol aus Getreide, Zuckerrohr oder Melasse, vorgeschrieben ist er nicht. Für ein einzelnes Produkt belegt das nur ein Halal-Zertifikat. Wie unterschiedlich Gelehrte Spuren von Ethanol sonst gewichten, steht unter Ist Aroma halal?
Seit 2025 vier Buchstaben
Mit der Verordnung (EU) 2025/652 vom 2. April 2025 hat die EU die Steviolglycoside in vier Zusatzstoffe aufgeteilt, für die gemeinsame Höchstmengen gelten. Sie unterscheiden sich nicht im Geschmack, sondern im Herstellungsweg:
- E960a, Steviolglycoside aus Stevia: der Weg aus dem Blatt, wie oben beschrieben.
- E960b, Steviolglycoside aus Fermentation: Eine gentechnisch veränderte Hefe, Yarrowia lipolytica, bildet sie aus Zucker, vor allem Rebaudiosid M.
- E960c, enzymatisch hergestellte Steviolglycoside: Enzyme bauen gereinigte Glycoside aus dem Blatt zu Rebaudiosid M oder D um.
- E960d, glucosylierte Steviolglycoside: Enzyme hängen an Glycoside aus dem Blatt zusätzliche Glucose aus Stärke.
Der Grund für die drei neuen Wege ist das Rebaudiosid M. Es schmeckt am wenigsten bitter, steckt aber im Blatt kaum, und aus Zucker oder durch Umbau lässt es sich in Mengen gewinnen. Auf vielen Packungen steht trotzdem nur „Steviolglycoside“ oder „E960“, ohne Buchstaben. Welcher Weg dahintersteht, verrät das Etikett dann nicht.
Aus der Hefe: E960b und das Nährmedium
Bei E960b gibt es kein Blatt. Die Hefe wächst in einem Gärtank und gibt die Glycoside ab. Danach wird sie abgetrennt und durch Hitze abgetötet, die Lösung eingeengt, über Ionenaustauscher gereinigt und aus Ethanol kristallisiert. Lebende Zellen und Erbgut der Hefe dürfen im fertigen Stoff nicht nachweisbar sein. Für das Ethanol gilt dieselbe Obergrenze von 5000 mg je Kilogramm, und damit dieselbe Beurteilung wie oben.
Zum Nährmedium sagt die Spezifikation nur, dass die Hefe von einer Quelle einfacher Zucker lebt. Was sonst in den Tank kommt, etwa als Stickstoffquelle, nennt sie nicht. Das ist dieselbe Lücke wie bei Natamycin, und sie wird nach demselben Maßstab beurteilt: Ein mikrobielles Produkt ist nach der MUI-Fatwa 1/2010 halal, wenn das Medium rein ist. Die Begründung steht unter Ist E235 halal? Für E960b gibt es keinen Hinweis auf ein tierisches Medium, und eine Packung würde es auch nicht zeigen.
Bei E960c und E960d stammen die Enzyme aus Mikroorganismen. Die Frage rückt dort eine Stufe weiter weg, auf das Medium, in dem diese Mikroorganismen wuchsen. Die Enzyme selbst sind ein Werkzeug der Herstellung und keine Zutat.
Was sonst in der Stevia-Packung steht
Weil Steviolglycoside so stark süßen, lassen sie sich nicht löffelweise streuen. Stevia-Streusüße und Stevia-Würfel bestehen deshalb zum größten Teil aus einem Füllstoff, meist Erythrit oder Maltodextrin. Tayyib markiert beide nicht. Warum Erythrit trotz des Wortes Alkohol unbedenklich ist, steht unter Sind Zuckeralkohole halal?
Auf Getränken und Joghurts mit Stevia muss neben dem Namen des Lebensmittels „mit Süßungsmittel“ stehen, in der Liste dann „Süßungsmittel: Steviolglycoside“ oder die E-Nummer. Oft steht daneben auch Aroma. Das markiert Tayyib als zweifelhaft, aus den Gründen, die im Ratgeber zu Aroma stehen. Markiert Tayyib ein Getränk mit Stevia, lohnt deshalb der Blick auf die übrigen Zutaten: Am Süßstoff liegt es nicht.
Was Tayyib markiert
- Nicht markiert: E960 mit oder ohne Buchstaben, Steviolglycoside, Steviosid, Rebaudiosid, Stevia und Steviaextrakt.
- Nicht markiert: Erythrit und Maltodextrin als Füllstoff.
- Zweifelhaft: Aroma ohne nähere Angabe, auch neben Stevia.
- Zweifelhaft: Ethanol oder Alkohol, wenn er selbst in der Zutatenliste steht.
Kurz gefasst
- E960 sind Steviolglycoside, Süßstoffe aus den Blättern von Stevia rebaudiana, 200- bis 350-mal süßer als Zucker.
- Aus dem Blatt werden sie mit Wasser ausgezogen und aus Methanol oder Ethanol kristallisiert. Im Pulver bleiben höchstens 0,5 Prozent Ethanol, im Lebensmittel Spuren.
- MUI und der malaysische Fatwa-Rat halten Ethanol, das nicht aus der Getränkeherstellung stammt, für nicht unrein. Die EU-Spezifikation nennt die Herkunft des Ethanols nicht.
- Seit 2025 gibt es E960a bis E960d: aus dem Blatt, aus Hefe-Fermentation, enzymatisch umgebaut und glucosyliert.
- Bei E960b schweigt die Spezifikation zum Nährmedium außer dem Zucker. Nach der MUI-Fatwa 1/2010 entscheidet dessen Reinheit.
- Tayyib markiert keinen dieser Stoffe. Ein Getränk mit Stevia wird wegen anderer Zutaten markiert, meist wegen Aroma.
Häufige Fragen
Ist E960 halal?
Ja, nach allem, was über die Herstellung bekannt ist. Steviolglycoside stammen aus einer Pflanze oder werden von Hefe aus Zucker gebildet, ein tierischer Rohstoff ist nicht beteiligt. Offen bleiben nur die Herkunft des Ethanols, mit dem sie gereinigt werden, und bei E960b das Nährmedium. Tayyib markiert E960 nicht.
Enthält Stevia Alkohol?
Einen kleinen Rest aus der Reinigung, keinen zugesetzten. Im reinen Süßstoff sind höchstens 5000 mg Ethanol je Kilogramm erlaubt, also 0,5 Prozent. Im Getränk oder Joghurt bleiben davon höchstens ein bis zwei Milligramm je Kilogramm. MUI und der malaysische Fatwa-Rat halten solches Ethanol für unbedenklich, wenn es nicht aus der Getränkeherstellung stammt.
Was bedeuten E960a, E960b, E960c und E960d?
Den Herstellungsweg. E960a kommt aus dem Blatt, E960b aus einer Hefe-Fermentation, E960c entsteht durch enzymatischen Umbau von Glycosiden aus dem Blatt, E960d durch Anhängen von Glucose aus Stärke. Die EU hat die vier Nummern 2025 mit der Verordnung (EU) 2025/652 festgelegt.
Ist Stevia aus Fermentation halal?
Nach allem, was bekannt ist, ja. Die Hefe bildet die Glycoside aus Zucker, wird danach abgetötet und abgetrennt, und ihr Erbgut darf im fertigen Stoff nicht nachweisbar sein. Die EU-Spezifikation nennt außer dem Zucker kein Nährmedium. Nach der MUI-Fatwa 1/2010 entscheidet dessen Reinheit, und es gibt keinen Hinweis auf ein tierisches.
Warum markiert Tayyib ein Getränk mit Stevia trotzdem?
Wegen einer anderen Zutat. Steviolglycoside, E960 und Stevia markiert Tayyib nicht. Steht in derselben Liste Aroma ohne nähere Angabe, ist das Getränk deswegen zweifelhaft, und Ethanol oder Wein in der Liste werden ebenfalls markiert. Das Ergebnis zeigt, welche Zutat es ist.
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Hinweis: Dieser Artikel ist keine Fatwa und keine Zertifizierung. Er erklärt, woher die genannten Stoffe üblicherweise stammen und warum die Herkunft den Ausschlag gibt, im Zweifel gelten die Herstellerangabe bzw. eine anerkannte Halal-Zertifizierung.
Steht Stevia auf der Packung und daneben Aroma? Scanne den Barcode mit Tayyib und sieh sofort, welche Zutat markiert ist und warum.