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Ist E235 (Natamycin) halal? Das Pilzmittel auf der Käserinde
Natamycin ist ein Wirkstoff aus Bodenbakterien, der Schimmel auf Käserinden und Rohwursthüllen verhindert. Er selbst ist unbedenklich, und Tayyib markiert ihn nicht. Die Halal-Frage löst er aber nicht, er verschiebt sie nur: auf den Käse unter der Rinde und die Wurst in der Hülle.
Wer E235 zum ersten Mal auf einem Gouda liest und nachschlägt, stößt schnell auf das Wort Antibiotikum. Das Wort ist nicht falsch, führt aber für diese Frage in die falsche Richtung. Für die Halal-Einordnung zählt nicht, was Natamycin tut, sondern woraus es entsteht, und das lässt sich ziemlich genau sagen.
Was Natamycin ist
Natamycin gehört zu den Polyen-Makroliden, einer Gruppe von Wirkstoffen, die gegen Hefen und Schimmelpilze wirken und Bakterien in Ruhe lassen. Gebildet wird es von Bodenbakterien der Gattung Streptomyces. Der Stamm, aus dem es 1955 zuerst isoliert wurde, stammte aus Pietermaritzburg in der damaligen südafrikanischen Provinz Natal. Daher kommen beide Namen: Pimaricin, wie der Stoff zuerst hieß, nach der Stadt, und Natamycin nach der Art Streptomyces natalensis.
Dass es Bakterien nicht angreift, ist beim Käse der eigentliche Nutzen. Die Milchsäurebakterien, die einen Käse reifen lassen, arbeiten weiter, während auf der Oberfläche kein Schimmel wächst.
Nur außen: was die EU erlaubt
E235 ist einer der am engsten gefassten Zusatzstoffe in der EU. Die Zusatzstoffverordnung (EG) Nr. 1333/2008 erlaubt ihn nur zur Oberflächenbehandlung von zwei Gruppen:
- Hartkäse, Schnittkäse und halbfester Schnittkäse,
- getrocknete, gepökelte Würste, also Rohwurst wie Salami.
Erlaubt ist höchstens 1 mg pro Quadratdezimeter Oberfläche, und 5 mm unter der Oberfläche darf der Stoff nicht mehr nachweisbar sein. Für alle anderen Lebensmittel ist er in der EU nicht zugelassen, anders als in den USA, wo er auch in Joghurt oder geriebenem Käse stehen darf.
Der Grund für die enge Fassung ist medizinisch: Natamycin dient auch als Arzneistoff gegen Pilzinfektionen, etwa in Augentropfen, und man wollte Resistenzen nicht durch breiten Einsatz im Essen fördern. Die EFSA hat den Stoff 2009 neu bewertet und für die Anwendung auf Rinde und Wursthülle keine Bedenken gesehen, auch nicht wegen Resistenzen. Das ist eine Frage der Lebensmittelsicherheit, nicht der Halal-Frage, und die beiden gehören auseinander.
Woraus es entsteht: das Nährmedium
Natamycin wird weder aus einer Pflanze noch aus einem Tier gewonnen. Streptomyces-Kulturen bilden es in großen Gärtanks, danach wird es aus der Brühe abgetrennt. Ein Tier ist dabei nicht beteiligt. Die einzige Stelle, an der eine Halal-Frage überhaupt ansetzen kann, ist das Nährmedium, von dem die Bakterien leben.
Die EU-Spezifikation für E235 in der Verordnung (EU) Nr. 231/2012 nennt nur den Organismus und schweigt zum Medium. Bei Nisin (E234) ist das anders, dessen Spezifikation ausdrücklich ein Milchnährmedium nennt, wie unter Konservierungsstoffe steht. In der Fachliteratur zur Herstellung von Natamycin werden meist Glucose, Sojaprotein und Hefeextrakt als Medium beschrieben. Offenlegen muss ein Hersteller das allerdings nicht.
Wie ein solches Produkt zu beurteilen ist, hat der indonesische Gelehrtenrat MUI in seiner Fatwa Nr. 1 von 2010 zu Mikroben und mikrobiellen Produkten in Lebensmitteln festgehalten: Ein mikrobielles Produkt ist halal, wenn das Medium, auf dem der Organismus wächst, rein ist, und haram, wenn Bestandteile vom Schwein als Medium dienen. Deshalb prüft ein Zertifizierer bei einem Fermentationsprodukt das Medium und nicht die Bakterien.
Für die Einordnung heißt das: Es gibt keinen Hinweis darauf, dass für E235 tierische Medien üblich wären, und keine Packung würde es zeigen. Tayyib markiert Natamycin deshalb nicht. Wer auch diese letzte Stelle geklärt haben will, braucht ein Halal-Zertifikat für das fertige Produkt.
Was auf dem Etikett steht und was nicht
Bei verpacktem Käse muss Natamycin in der Zutatenliste stehen, als „Konservierungsstoff: Natamycin“ oder „Konservierungsstoff: E235“. An der Käsetheke ist das anders. Für lose Ware genügt nach Auskunft des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamts Stuttgart der Hinweis „mit Konservierungsstoff“ oder „konserviert“, ohne dass der Stoff genannt werden muss. Wer dort wissen will, ob es Natamycin ist, muss fragen.
Oft sitzt das Natamycin nicht direkt auf der Rinde, sondern im Käseüberzug, der gelben oder roten Schicht aus einer Kunststoffdispersion, meist Polyvinylacetat. Für einen solchen Überzug ist der Hinweis „Kunststoffüberzug nicht zum Verzehr geeignet“ vorgeschrieben. Der Satz „Rinde nicht zum Verzehr geeignet“ ist dagegen eine freiwillige Angabe des Herstellers. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hält eine mit Natamycin behandelte Naturrinde seit der EFSA-Bewertung für essbar. Halal-relevant ist keiner dieser Hinweise, weder der Überzug noch der Wirkstoff darin.
Unter der Rinde: die eigentlichen Fragen
Natamycin ist auf dem Etikett oft das auffälligste Wort. Auf diesen Produkten ist es aber nie das, was die Einordnung entscheidet.
Beim Käse ist es das Lab. Steht „Lab“ oder „Labferment“ ohne Art in der Liste, markiert Tayyib den Käse als zweifelhaft, bei „mikrobielles Lab“ nicht. Das Natamycin auf der Rinde ändert daran in keine Richtung etwas. Ausführlich steht das unter Ist Käse halal?.
Bei der Rohwurst sind es das Fleisch und die Hülle. Schwein, Speck oder Schweinedarm ergeben nicht halal, Rind, Lamm oder Geflügel ohne Halal-Angabe zweifelhaft. Beim Käse gibt es dazu kein Gegenstück, bei der Wurst schon: den Kollagendarm. Er wird aus tierischem Bindegewebe hergestellt, meist aus Rinderhaut, und Tayyib markiert Kollagen ohne Herkunft als zweifelhaft. Das gilt auch dann, wenn beim Fleisch „halal“ steht, denn diese Angabe gilt für das Fleisch und nicht für die Hülle. Das Wort Naturdarm allein nennt kein Tier und wird nicht markiert. Wie die Reifung einer Rohwurst zu sehen ist, steht unter fermentierte Lebensmittel.
Was Tayyib markiert
- Nicht markiert: Natamycin, E235 und Pimaricin, ebenso ein Überzug aus Polyvinylacetat.
- Zweifelhaft: „Lab“ oder „Labferment“ ohne Angabe der Art.
- Nicht markiert: „mikrobielles Lab“.
- Nicht halal: Schwein, Speck oder Schweinedarm in der Liste.
- Zweifelhaft: Rind, Lamm oder Geflügel ohne Halal-Angabe.
- Zweifelhaft: Kollagendarm ohne Herkunft, auch neben Halal-Fleisch.
Kurz gefasst
- E235 ist Natamycin, ein Wirkstoff gegen Schimmel und Hefen aus Streptomyces-Bakterien.
- In der EU nur auf der Oberfläche von Hart- und Schnittkäse und von Rohwurst erlaubt, höchstens 1 mg pro dm² und nicht tiefer als 5 mm.
- Kein tierischer Rohstoff. Offen bleiben könnte nur das Nährmedium, zu dem die EU-Spezifikation schweigt.
- Nach der MUI-Fatwa 1/2010 entscheidet bei mikrobiellen Produkten die Reinheit des Mediums.
- An der Theke steht oft nur „mit Konservierungsstoff“, ohne Namen.
- Die Einordnung entscheiden Lab, Fleisch und Hülle, nicht das Natamycin.
Häufige Fragen
Ist E235 halal?
Nach allem, was über die Herstellung bekannt ist, ja. Natamycin wird von Bodenbakterien der Gattung Streptomyces gebildet, ohne tierischen Rohstoff. Offen bleiben könnte nur das Nährmedium, und die EU-Spezifikation schreibt es nicht vor. Tayyib markiert E235 nicht. Entscheidend sind auf Käse und Wurst die Zutaten unter der Rinde.
Ist Natamycin ein Antibiotikum?
Im weiteren Sinn ja, genauer ein Antimykotikum: Es wirkt gegen Hefen und Schimmel, nicht gegen Bakterien. Es dient auch als Arzneistoff, etwa in Augentropfen, und deshalb erlaubt die EU es nur auf der Oberfläche von Käse und Rohwurst. Mit der Halal-Frage hat das nichts zu tun.
Kann ich eine Rinde mit Natamycin mitessen?
Ein Kunststoffüberzug ist nie zum Verzehr gedacht, und das muss auf der Packung stehen. Eine mit Natamycin behandelte Naturrinde hält das Bundesinstitut für Risikobewertung seit der EFSA-Bewertung von 2009 für essbar. „Rinde nicht zum Verzehr geeignet“ ist eine freiwillige Angabe. Für die Halal-Frage spielt die Rinde keine Rolle.
Warum steht an der Käsetheke nicht E235?
Weil lose Ware den Stoff nicht nennen muss. Dort genügt „mit Konservierungsstoff“ oder „konserviert“, und welcher Stoff gemeint ist, erfährst du nur auf Nachfrage. Bei verpacktem Käse muss Natamycin oder E235 in der Zutatenliste stehen.
Macht Natamycin eine Salami halal oder haram?
Weder noch. Das Natamycin sitzt außen auf der Hülle und ist unbedenklich. Die Salami entscheidet sich am Fleisch und an der Hülle: Schwein oder Schweinedarm ist nicht halal, Rind oder Geflügel ohne Halal-Angabe ist zweifelhaft, und ein Kollagendarm ohne Herkunft ebenfalls.
Mehr zu Konservierungsstoffen →
Hinweis: Dieser Artikel ist keine Fatwa und keine Zertifizierung. Er erklärt, woher die genannten Stoffe üblicherweise stammen und warum die Herkunft den Ausschlag gibt, im Zweifel gelten die Herstellerangabe bzw. eine anerkannte Halal-Zertifizierung.
Bei Natamycin entscheidet nicht der Stoff auf der Rinde, sondern was darunter in der Liste steht. Scanne das Produkt mit Tayyib und sieh sofort, was markiert ist und warum.